

Ania Corcilius: "Lagerfeuerromantik bei den Nostalgikern der Anarchofraktion ..."
Sibylle Acquaviva: "Erfreut, vom Fernseher weg auf das Schulterblatt gelockt zu werden."
Über die Auseinandersetzungen in der Nacht zum ersten Mai wurde in der Presse
reichlich berichtet. Die Redaktion von SCHANZE hat interessiert, wie Bewohner aus dem Viertel,
die direkt dabei waren, die Nacht erlebt haben und bewerten.
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Meinungen |
Erster Mai - mitten drin statt nur dabei
Ania Corcilius (33)
Künstlerin, lebt im Schanzenvierte
Wer sich während der Unruhen in der Nacht zum ersten Mai auf dem
Schulterblatt aufhielt, mußte den Eindruck haben, daß, nachdem sich die Staatsgewalt gegen
Mitternacht fast vollständig zurückgezogen hatte, sich die Situation rasch beruhigte. Die
brennenden Barrikaden verbreiteten längst eine Art Lagerfeuerromantik bei den Nostalgikern
der Anarchofraktion, als der zweite Polizeieinsatz überraschend mit völlig unangemessener
Härte erfolgte. Selbstverständlich darf die Polizei nicht einfach weg schauen, wenn
Steine fliegen und Scheiben eingeschlagen werden, aber im Einsatz von Wasserwerfern und
Räumpanzern im Schanzenviertel sehe ich eher eine strategische Provokation, als eine Maßnahme
zur Verhinderung von Gewalt und zum Schutze des Privateigentums von Kneipiers oder Ladenbesitzern.
Die Rechnung der Polizei ist dann auch aufgegangen und die folgenden Auseinandersetzungen
lieferten den gesuchten Vorwand, endlich gezielt gegen die Rote Flora vorzugehen.
Ich hoffe, daß die Existenz der Roten Flora, deren Fortbestehen innerhalb der Dynamik des
Viertels immens wichtig ist, nicht durch die geschickte politische Ausnutzung von Dummheit
und Gewaltbereitschaft einiger Demonstranten in Frage gestellt werden kann.
Pia Düsterhus (31), Jan Distelmeyer (31)
Ärztin / Freier Autor
Wovor auch immer diese Menschen davonliefen, sie taten es in Eile
und mit einem gewissen panischen Ge-sichtsausdruck. Ihnen folgte ein gutes Dutzend Polizisten,
ähnlich engagiert, aber doch ganz anders: Eher beruflich, dabei nicht einmal schlecht gelaunt,
sichtlich gewillt, diese Chance auf einen guten Job und die Präsentation ihrer Professionalität
zu nutzen. (...) Am Ende der Juliusstraße wartete dann ein völlig anderes Bild. Schon eine Art
Ereignis, aber keines, das mit Panik zu tun hatte. Für dieses Szenario - eine brennende,
etwas kleine Barrikade, ein paar Polizisten darum verstreut - stellte jedenfalls niemand im
beteiligten Publikum sein Bier aus |
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der Hand. Die Polizeipräsenz hatte zu diesem Zeitpunkt wenig Repressives an sich. Die in jedem
Stadtmagazin endlos gepriesene "bunte Mischung" des Viertels wurde auf seltsame Weise ergänzt
durch eine Staatsgewalt, vor der niemand Respekt, Angst oder ähnliches hatte. Die Polizei also,
jetzt auch in der Schanze, mittendrin, statt nur dabei, neben dem Feuer die zweite Attraktion
des Abends. Aus einem Fenster untermalte Musik die recht absurde Version von Straßenkampf, die
zu diesem Zeitpunkt gut ohne Kampf auskam. Mitten in diese leicht beschwingte Unsicherheit hinein
erfolgte ein Rückschlag, der keinen Zweifel mehr aufkommen ließ: Zwei Räumpanzer, ein Wasserwerfer,
filmende Zivilkräfte, Tränengas und gewaltbereite Polizeitruppen eroberten die Straße zurück -
Reclaiming the Street. Dass es letztlich aber weniger um die Straße als vielmehr um die Rote
Flora ging, war klar. Hier wurde ein letztes bißchen Dissidenz angegriffen, das gerade dadurch
als solches erkennbar war: ein "Kulturzentrum", in dem Kultur kein beliebig benutz- und im
herkömmlichen Sinne verwertbares Gut, sondern vor allem Gegenkultur bedeutet.
Die Notwendigkeit der Verteidigung dieses Ortes ergibt sich heute nicht zuletzt aus dem
Ablauf der Ereignisse vom 1. Mai 2000.
Sibylle Acquaviva (29):
Trödel-Laden in der Susannenstraße
Sogar das träge "Hanse-Pummelchen" Hamburg hat es gewagt,
anläßlich des 1. Mai eine Party geben zu wollen. Wie erfreut war man, von dem Fernseher
weg auf das Schulterblatt gelockt zu werden. Das war sogar, durch kleine lodernde Bretterhäufchen,
von dem allgemeinen Verkehrschaos befreit worden. Doch schon bald wurde ein jeder daran erinnert,
daß wir ja das Schanzenviertel sind. Also wurde versucht, seitens der Polizei eine Art
Kriegssituation zu schaffen. Der krönende Ab-schluß endete dann durch das lächerliche Debakel,
die Rote Flora stürmen zu wollen. Tja, warum tanzt das "Hanse-Pummelchen" auch aus der Reihe?
Soll es doch lieber in Reih¹ und Glied stehen. Ein Paradebeispiel wird uns ja am 4. Juni
demonstriert. Viel Spaß auf einer Party ganz anderer Art. |
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